Diverses

Man wird doch wohl noch… schweigen können?!

23. Juli 2016
Social Media Kriegstreiber?

Um 18:38 Uhr lese ich den Spiegel Online-Tweet mit der Eilmeldung zur Schießerei im Münchener Einkaufszentrum.

Um 18:48 Uhr sehe ich bei Facebook ein unzensiertes Video, wie eine Person vor einem McDonalds willkürlich auf Menschen in seiner Umgebung schießt.

Sekündlich erhöhen sich die View- und Share-Zahlen dieses Videos. Bereits nach 20 Minuten hatten es über 300.000 Personen gesehen. 2 Minuten später waren es weitere 20.000 Personen.

Wie wild verlinkten sich Freunde unter dem öffentlichen Video.

Heute ist dieses Posting gelöscht.

Es ist nicht mal 19:00 Uhr und ich stoße auf weitere Videos.

Da sehe ich ein Wortgefecht von Dach zu Dach (…„Ein Wichser bist du!“…) oder höre ein scheinbar junges Mädchen mehrmals „Oh mein Gott!“ schreien, während es panisch aus dem Einkaufszentrum läuft.

Dann will mir eine Facebook-Seite beweisen, dass „definitiv an mehreren Orten in München geschossen“ wurde:

Facebook Schießerei Stachus

Bildschirmfoto: Facebook.com

 

An dieser Stelle spare ich mir die tausenden Screenshots voreilig urteilender Facebook-Kommentare & Tweets. Wir alle können sie großteils noch heute in den sozialen Netzwerken lesen.

Stellvertretend hier nur ein Tweet des AfD-Bundesvorstandsmitglieds André Poggenburg vom 22. Juli um 21:58 Uhr, um darzustellen, wie fahrlässig und schnell Ereignisse wie in München über die sozialen Medien instrumentalisiert werden:

AfD Tweet Poggenburg

Bildschirmfoto: Twitter

 

Man wird ja wohl noch… mal schweigen können!?

Hätte Herr Poggenburg doch nur sein Ego hintangestellt, die Lage still beobachtet und die Zuständigen ihre Arbeit machen lassen.

Dann würde er wenigstens nicht in der selben Liga spielen wie ein angeblicher Twitter-Account des IS:

IS Terror München

Bildschirmfoto: Twitter

Die Polizei München bat währenddessen via Twitter um Unterstützung durch Zurückhaltung mit Spekulationen & Diskussionen.

Dieser Tweet und die darauf folgende Reaktion des Nutzers „monettenom“ spiegelt das Social-Media-Dilemma in Zeiten wie diesen wider:

Twitter Polizei München

Bildschirmfoto: Twitter

 

Jeder will alles immer sofort und besser wissen – weil er es dank Social Media kann.

Verzichten wir für unser Geltungsbedürfnis in den neuen Medien also auf Mitgefühl und Menschlichkeit?

Aus der Ferne und im Mantel der Anonymität des Internets ist es leicht, vorschnell zu urteilen und Unwahrheiten zu streuen. Diese Leichtfertigkeit entfacht jede Notsituation unnötig.

Wenn denn ein Krieg kommt (oder er vielleicht schon herrscht?), wird es wohl nie wieder so sein, dass Menschengruppen aus Schützengräben aufeinander schießen.

Der neue Schützengraben ist das Internet.

Ich will damit nicht sagen, dass wir grausame Geschehnisse verschweigen sollten. Ganz im Gegenteil! Aber wir müssen lernen, neue Prioritäten in der Kommunikation zu setzen.

Wenn wir in Notfall-Situationen auf Autobahnen eine Rettungsgasse bilden, warum tun wir das dann nicht auch auf der Datenautobahn des Netzes? (Danke Olli für diese Inspiration)

Hashtag #offentuer gibt Hoffnung

Wie sich viele Münchener via Twitter über den Hashtag #offenetuer vernetzt haben, gibt Hoffnung auf die sinnvolle Nutzung sozialer Netzwerke.

Auch der Safety Check von Facebook nahm mir gestern im Bezug auf einige Münchener Bekannte schnell die Befürchtung, ihnen sei auch etwas passiert.

Und dass die Polizei München am Folgetag die Pressekonferenz mit ersten wichtigen Erkenntnissen live bei Facebook überträgt, ist ebenfalls ein Mehrwert unserer vernetzten Welt.

Es ist an uns allen, den richtigen Umgang mit der grenzenlosen Vernetzung zu lernen.

Die Personifizierung guter Polizeiarbeit

Dinge zuerst mitteilen zu wollen, ist unter Journalisten kein Phänomen der neuen Medien. Aber auch hier gilt mehr denn je: Der Schnellste ist oft der Lauteste – egal wie gut recherchiert die Meldung ist. (Schau dazu gern auch mal auf meinen Artikel „Wie Social Media unsere Identität verändert.“)

Die Polizei München betrieb in Person des Pressesprechers Marcus da Gloria Martins eine (fast) beispielhafte Öffentlichkeitsarbeit über alle Kanäle.

Er ist laut Süddeutscher Zeitung „einer der wenigen, die in diesem Chaos Ruhe bewahren“. In den sozialen Netzwerken wird seine Souveränität schnell zu einem wichtigen Haltepunkt:

Marcus da Gloria Martins

Foto: Twitter

 

Nach den Geschehnissen der Silvesternacht 2015/2016 sagte da Gloria Martins dem Bayerischen Rundfunk:

„Soziale Medien schüren die Angst vor hoher Kriminalität.“

Jetzt möchte ich gern ein Praktikum bei ihm machen.

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